Queerparty im Flakturm

Eine kleine Glosse zum Thema Religion und Gesellschaft in Leipzig

Kirchenfunktionäre tun gerne so, als hätte die Kirche die so genannte Nächstenliebe erfunden. Vielleicht hat sie das auch wirklich, denn die Kirche praktiziert viel Nächstenliebe. Vor allem sich selbst liebt die Kirche sehr. Egal ob es um das Anrecht geht, das Privat- und Sexualleben anderer moralisch zu verurteilen oder dem Staat haufenweise Kohle abzuluchsen, für nichts ist man sich zu schade - eine normale Funktionsweise der Nächstenliebe, wenn man sich selbst am nächsten ist. Die Kirche hat seit einigen Jährchen eh Oberwasser in Leipzig. Nicht genug, dass ein Hokuspokus-Haus der Evolutionsleugner jetzt Bestandteil der weltlichen Einrichtung Universität geworden ist, jetzt hat der Johanniskirchturm-Verein ein vier Meter großes Kreuz am Johannisplatz aufgestellt. Das soll an ein verschwundenes Gotteshaus an eben jenem Platz erinnern, das im Krieg zu weiten Teilen zerstört worden ist. Bei der Einweihung wurde im Gebet aber nicht nur der architektonischen Veränderung der Stadt Leipzig im Zuge der Entnazifizierung gedacht, sondern die Verantwortlichen ließen sich in der LVZ auch mit den Worten zitieren: „Wir gedenken zunächst der Menschen, die beim Großangriff auf Leipzig ums Leben gekommen sind.“ Gedacht wird also den Opfern und Gebäuden, die bei dem fürchterlichen Angriffskrieg der Alliierten auf das gemütliche Deutschland des Jahres 1943 ihr Leben ließen. So kann ein „Erinnerungsprojekt Johannisplatz“ natürlich auch aussehen. Bestandteil dieser historischen Erinnerung an deutsche Kriegstote ist vermutlich auch der als Kirche getarnte pottenhässliche Flakturm, der gerade gegenüber des neuen Rathauses errichtet wird und anscheinend eine Form „wehrhafter Theokratie“ darstellt. Auf künftige Luftangriffe will man vorbereitet sein. Über das Aussehen des Flakturms sollte man sich freilich nicht streiten, da Geschmäcker eben verschieden sind. Und auch die Religionsfreiheit gebietet es, dass eben auch Organisationen wie die katholische Kirche mit der architektonischen Raumgestaltung nach eigener Façon selig werden können. Diese Ansicht teilt offenbar die große Masse der Leipziger_innen, wenn es darum geht, dass eine Organisation mit umfangreicher krimineller Vergangenheit, mit einer Frauenquote in Führungsgremien von maximal 0% und offener Homophobie ihre Häuslein und Taler bekommt. Wenn aber eine vergleichsweise liberale und reformislamische Gemeinde wie die Ahmadiyya, die in zahlreichen Ländern von Islamisten verfolgt wird, eine Moschee bauen will, gehen die Leipziger_innen auf die Straße und grölen, die Zeit heilt eben doch nicht alle Wunden, sie seien das Volk. Beim lauten Bimmeln der Kirchen regt sich niemand auf, aber wenn Muslima und Muslime in Leipzig in ihren Räumen vor sich hin beten wollen, handele es sich auf einmal um Ruhestörung. Die ruhegestörten Wutbürger_innen schreien dafür gerne selbst mit Ohren betäubendem Geschrei nach Anpassung und Integration, wenn es denn um Muslima und Muslime geht. Wenn sich jedoch Katholik_innen, die etwa 4% der Bevölkerung Leipzigs ausmachen, im mehrheitlich atheistischen Leipzig eine Kirche hin zimmern, riesige Kreuze aufstellen und sich das alles auch noch schön subventionieren lassen, juckt das keine Sau. Da jedoch gelten soll „gleiches Recht für alle“, sollten nicht nur einige Leute tatsächlich ihre Klappe halten, sondern es wäre vielleicht auch gut, vorsorglich der gesellschaftlichen Vielfalt Rechnung zu tragen und sich für Leipzig neue Projekte auszudenken. Wenn eine Kirche Bestandteil einer Uni sein kann, könnte beispielsweise auch eine Queerparty im neuen Flakturm stattfinden. Außerdem braucht es noch ein acht Meter großes Homöopathiemahnmal in Form eines Globulis vor dem St. Georg Krankenhaus, ein Latte-Macchiato-Museum in Schleußig und natürlich einen 10 mal 10 Meter großen Pflasterstein auf dem Connewitzer Kreuz in Gedenken an alle im Straßenkampf Gefallenen. Auch eine Scientology-Zentrale und einen sakralen Riesenbau für das fliegende Spaghetti-Monster fehlen noch in dieser weltoffenen Stadt. Zu guter Letzt könnte man als Mahnung an die vielen, von fiesen Graffiteuren ermordeten, weißen Hauswänden auch das bisher im Stadtbild recht flach liegende Connewitzer Kreuz aufrichten und künftige Graffiti-Künstler_innen einfach dran nageln. Die weiße Seele Leipzigs wird’s vor Glück kaum fassen. Cheers.

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